Eines vorweg: Ich bin kein Experte auf diesem Gebiet, aber Betroffener. Sowohl aktiv als auch passiv. Dieser Artikel ersetzt keinesfalls die Wirksamkeit einer Psychotherapiesitzung und kann daher weder als Garantie für eine Linderung noch für eine Heilung bei psychischen Problemen angesehen werden. Alle darin beschriebenen Symptome können durchaus Hintergrund einer ernsthaften Erkrankung sein und sollten unbedingt ärztlich abgeklärt werden.


Es gibt Momente, da ändert sich das Leben von einem auf den anderen Tag schlagartig. Ein plötzlicher Todesfall im engeren Familien- oder Freundeskreis oder die Diagnose einer schweren oder unheilbaren Krankheit. Die meisten dieser Schicksalsschläge sind für mich von extrinsischer Natur: Sie kommen unvorhergesehen, lassen sich nicht oder nur schwer verhindern.

Es gibt aber auch noch jene Art von Ereignissen, die nicht oder nur scheinbar unvorhergesehen in unser Leben treten und dieses nachhaltig verändern. Sei es, weil wir bewusst die Symptome unseres Körpers ignorieren (im Glauben, sie würden schon wieder von alleine verschwinden), unsere Gedanken und Gefühle nicht ernst nehmen (aus Angst vor den möglichen Konsequenzen einer Veränderung), oder auch, weil wir die gut gemeinten Ratschläge unserer lieben Mitmenschen auf die leichte Schulter nehmen. „Bisher ist ja alles irgendwie wieder gut ausgegangen. Warum sollte es denn ausgerechnet jetzt anders sein?“

Als ich vor rund zehn Jahren eines Nachts während des Fernsehguckens mein Herz zum ersten Mal unrhythmisch und immer heftiger werdend schlagen spürte, hatte ich keine Ahnung davon, dass mein heutiges Leben ein ganz anderes sein würde, als jenes, das ich bis zu diesem Zeitpunkt kannte, ich jemand anderes sein würde – glücklicher, bewusster im Umgang mit mir und meinen Mitmenschen –, und keinesfalls konnte ich ahnen, dass ich in einem Blog – meinem Blog – dir darüber berichten würde. Um für dich da zu sein, um dir zu verstehen zu geben, dass du nicht alleine damit bist. Dass alles – du, dein Umfeld, dein ganzes Leben – sich zu einem Besseren wenden wird. Wenn du nur willst. Aber es wird Arbeit, verdammt harte Arbeit.

All das konnte ich nicht ahnen, als an jenem schicksalshaften Abend die Hölle für mich ausbrach:

Wenn die Hölle losbricht

Ich lag gerade im Bett, zu Hause bei meinen Großeltern. Neben mir meine damalige Freundin und treue Weggefährtin für viele weitere Jahre. Dahinter, am Nachttisch, das leere Jausenbrettl, wo wir zuvor noch lecker Wurst, Käse, saure Essiggurkerl und all die anderen wunderbaren Köstlichkeiten geschlemmt hatten, die es halt am Wochenende bei meinen Großeltern so gab. Am Wochenende fuhren wir immer zu mir nach Hause, so war das damals. Wir lagen also in meinem Bett, gegenüber dem Fernseher, wo irgendein Horrorschinken lief. Wirklich kein guter und zum Fürchten war der schon gar nicht. Ich mochte grundsätzlich keine Horrorfilme. Nicht, weil ich mich davor fürchtete, sondern schlichtweg, weil das Niveau solcher Filme meist derartig schlecht war, dass es keiner näheren Erklärung bedarf. Ich war gelangweilt und sah mir nur halbherzig den Film an. Aber ich tat es wegen ihr und weil auch sonst nichts Gscheites im Fernsehen war. Als ich plötzlich mein Herz stolpern spürte! Nicht das erste Mal.

Beim ersten Mal, als ich solch einen Extraschlag verspürt hatte, hielt ich gerade die schriftliche Absage in der Hand, dass ich nach der einmonatigen Probezeit bei dem Unternehmen nun doch nicht übernommen worden war. Ein Schlag ins Gesicht. Den Extraherzschlag tat ich damals als Einbildung ab und kümmerte mich nicht weiter darum. Die darauf folgenden Monate und Jahre wiederholte sich dies insgesamt um die zehn weitere Male. „Kein Grund zur Sorge“, dachte ich mir. Trotzdem, beunruhigt war ich dann schon ein klein bisschen. Aber das, was nun gleich geschehen sollte, hatte ich in so einer Form noch nicht erlebt.

Mein Herz machte einen Stolperer. Gleich darauf noch einen. Und noch einen. Und noch einmal. Es hörte gar nicht mehr auf, zu stolpern, schlug nur noch durchgehend unrhythmisch in meiner Brust. Ich legte mich anders hin, räusperte mich. Nichts half. Aus leichter Beunruhigung wurde tiefe Sorge. Aus tiefer Sorge wurde Panik. Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn und ich bekam einen dicken Kloß im Hals. Ich atmete, hatte aber im selben Augenblick das Gefühl, zu ersticken. In meinen Händen kribbelte es und mein Herz schlug nun so wild und fest, wie nach einem 100-Meter-Lauf. Ich wusste nicht, was das war, aber es fühlte sich an, als würde jeden Moment mein Brustkorb explodieren und ich dachte, – nein – war mir sicher, dass sich so ein Herzinfarkt anfühlen müsse. Ich alarmierte meine Freundin, schrie sie an, sie möge doch schnell zu meinen Großeltern hinaus rennen und einen Notarzt rufen. Was auch prompt geschah.

Und so lag ich da und wartete auf das unvermeidliche Ende. Die Minuten vergingen, um mich herum überall Stimmen und wildes Gewusel. Das meiste davon bekam ich gar nicht mit. Ich kann mich bis heute nicht daran erinnern, wo meine Freundin oder meine Großeltern in den folgende Minuten waren, was sie sagten oder taten. In diesem Moment war ich viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, horchte in mich hinein und hatte die meiste Zeit nur noch die Augen geschlossen, weil ich das, was da mit mir gerade passierte, einfach nicht mehr aushielt. Tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf: Wie war mein Leben verlaufen? Was ich noch hätte alles machen wollen, bevor ich starb. Was ich hätte erleben wollen. War ich glücklich gewesen? War mein Leben ein gutes Leben gewesen? Bis zu jenem Zeitpunkt hatte ich immer gehofft, ich würde irgendwann mal als alter Greis in meinem Bett sterben, meine Liebsten um mich versammelt und zurückblickend auf ein sinnerfülltes, glückliches Leben, mit einem Lächeln auf den Lippen, wenn das Licht in mir erlischt. Aber auf diese Weise? So jung? Natürlich, es hätte schlimmer kommen können oder früher, oder ich hätte schon vor der Geburt noch im Mutterleib sterben können. Aber trotzdem hätte ich noch so gerne mehr vom Leben gehabt.

Und so kreisten meine Gedanken, während ich – in mich versunken und auf meinen Herzschlag konzentriert – darauf wartete, zu sterben. Oder wenigstens das Bewusstsein zu verlieren. Wo blieb eigentlich der Notarzt?! Verdammt! Minute um Minute verging und irgendwann realisierte ich, ich würde doch noch nicht „jetzt gleich“ sterben. Die Panik ließ nach und wich abermals tiefer Sorge. Natürlich, irgendwas war ja mit mir nicht in Ordnung. Irgendwann stand ich auf und zog mich an. Schließlich würde ja gleich der Notarzt an der Tür läuten und ich ins Krankenhaus kommen. Da saß ich dann samstagabends gegen 23 Uhr angezogen im Wohnzimmer meiner Großeltern und wartete. Ich wollte jetzt nicht mehr in meinem Zimmer sein, suchte bewusst die Nähe meiner Mitmenschen. Das Leben. Auch weil ich hoffte, dass sie mir am ehesten helfen könnten, wenn es wieder heftiger werden würde und dann vielleicht wirklich das Herz aufhörte, zu schlagen.

Eine Dreiviertelstunde später kam der Arzt. Ich war schockiert und wütend. In der Zeit hätte ich mindestens zehn Mal sterben können! Aus heutiger Sicht bin ich ganz froh, dass es damals so gekommen war und meine Großeltern, selber aus lauter Panik überfordert, den ordinierenden Nachtarzt anstelle der Notrufnummer gewählt hatten, welcher dazu noch den Ruf hatte, sich für all seine Patienten viel Zeit zu nehmen (was auch die 45-minütige Verspätung erklärte). Er nahm sich wirklich Zeit, untersuchte mich gründlich und stellte mir haufenweise Fragen. Er überprüfte auch meinen Blutdruck und horchte mich mit seinem Stethoskop ab. Mein Blutdruck war mittlerweile normal, der Puls leicht erhöht – was ja auch kein Wunder war nach dieser Aufregung – aber keine Spur von irgendwelchen Auffälligkeiten am Herzen. Er fragte mich, ob ich ein Beruhigungsmittel gespritzt haben wollte, was ich auch bejahte, gab mir eine Packung Betablocker und noch eine Packung blutdrucksenkender Tabletten, die ich bis heute nie angerührt habe, und verschwand dann wieder. Das Beruhigungsmittel tat seine Wirkung und so ging ich dann wieder in mein Zimmer hinüber, legte mich ins Bett und schlief einen unruhigen Schlaf.

In der darauf folgenden Woche ging ich zu meinem Hausarzt, der mich ins Krankenhaus überwies, wo ich ohne Termin sechs Stunden lang bis zu meiner Untersuchung wartete. Dort wurden mir abermals Fragen gestellt, unter anderem zu meinen Symptomen, aber keine Antwort auf meine Frage gegeben, was es denn nun sein könnte. Nicht wirklich beruhigend. Diese Extraherzschläge hatte ich seit jenem Abend nicht wieder gehabt, das tiefe Gefühl der Besorgtheit blieb jedoch. So etwas wollte ich nicht noch einmal erleben.

Aber es kam ganz anders

Es sollte exakt eine Woche dauern. Wieder war es abends, wieder lag ich im Bett. Nur diesmal ohne Jause und auch nicht bei meinen Großeltern, sondern bei meiner Freundin. Sie schlief bereits, ich zappte noch ein wenig hin und her und blieb bei einer Live-Sendung des Telefonseelsorgers Jürgen Domian hängen. Ich mochte Live-Fernsehen und den Gedanken, dass die Menschen gerade das machten, was ich da sah. Das gab mir damals zumindest das Gefühl, nicht alleine zu sein. Meine Freundin schlief ja und wecken wollte ich sie auch nicht. Das Thema, das dort mit dem Anrufer gerade behandelt wurde, war irgendwie recht unterhaltsam.

Nicht immer ging es in jener Sendung um Negatives, oft riefen Menschen einfach nur an, weil sie jemanden zum Reden haben wollten. Ich beschloss, mir das nächste Gespräch noch anzuhören, um alsbald den Fernseher abzuschalten und mich ebenfalls ins Land der Träume zu begeben. Da meldete sich eine ältere Dame, die ganz verzweifelt schilderte, sie hätte vergangene Woche ihren Mann verloren. Herzinfarkt. Und sie beschrieb den Kampf ihres Mannes mit dem Tod dermaßen detailliert, dass ich mir bildhaft vorstellen konnte, wie er da im Wohnzimmer zu Hause lag mit nahezu den gleichen Symptomen, wie ich sie gehabt hatte.

Ich starrte wie gebannt auf den Bildschirm, war paralysiert, unfähig, auch nur ansatzweise den Knopf auf der Fernbedienung zu betätigen, um wenigstens den Sender zu wechseln. Wenige Sekunden später ging es auch bei mir wieder los. Ich wusste es zwar nicht, aber hatte diesmal so eine Ahnung, dass ich mir keine Sorgen machen müsse und das schon wieder irgendwie überstehen werde. Trotzdem erlebte ich wieder das volle Programm, wie beim ersten Mal. Als es überstanden war, versuchte ich mich wieder zu beruhigen und nahm mir vor, am nächsten Tag dieses Phänomen selbst in die Hand zu nehmen und danach zu googeln.

Seit dem Morgen war mir etwas schwindlig. Ich wollte nicht schon wieder etliche Wartezeit und Untersuchungen über mich ergehen lassen und hatte noch am Vorabend die glorreiche Idee gehabt, dass mir ja vielleicht das Internet bei meinem Problem helfen könnte. Um dir diese zusätzliche Last zu ersparen, lass dir bitte gesagt sein: Tu das nicht! Geh einfach zu deinem Hausarzt oder lass dir einen Termin beim Facharzt geben, aber fang nicht damit an, danach zu googeln.

Ich war fassungslos. Mein ursprünglicher Gedanke war ja, im Internet danach zu suchen, um mich selbst zu beruhigen. Vielleicht sogar, den einen oder anderen Trick zu finden, was ich dagegen tun könnte, damit es beim nächsten Mal nicht so sehr eskalieren würde. Stattdessen fand ich ein Sammelsurium an lebensbedrohlichen oder unheilbaren Krankheiten. In meinem Kopf drehte sich alles. Im wahrsten Sinne des Wortes. Dieses Gefühl, dieser Dauerschwindel, sollte mich fast drei Jahre lang begleiten und war rückblickend Auslöser für die schwerste Zeit meines Lebens.

Rückschlüsse

Ich weiß heute, dass was ich damals erlebt habe, Panikattacken waren und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass diese viele Gesichter haben können. Nicht alle erleben sie genau so, wie ich sie zu jener Zeit erlebt habe. Ja, es muss noch nicht mal ähnlich sein. Manche bekommen einen Schwächeanfall und brechen zusammen, Andere beginnen grundlos zu weinen und wieder Andere bekommen unfassbar starke Aggressionen gegenüber einfachsten Banalitäten. Und wenn es nur darum geht, wie eine Person ihre Wurstsemmel isst.

Worauf ich hinauswill, ist, dass all diese verschiedenartigen Facetten eines gemeinsam haben: Sie sind Ausdrücke deines Ichs, dass irgendetwas mit dir und deinem Leben nicht in Ordnung ist und du dir selbst dabei solchen Schaden zufügst, dass dein Körper auf irgendeine Art und Weise ein Ventil suchen musste, um damit klarzukommen. Dies bedeutet, sofern diese Symptome nicht körperlicher Ursache sind, dass es genau genommen gar nicht um diese Symptome geht, sondern um dich, dein Wesen. Dein Unterbewusstsein, wenn du so willst, welches dir versucht mitzuteilen, dass dein Leben, so wie du es bis jetzt gelebt hast, nicht okay ist und dich zwingt, etwas daran zu ändern.

Das bedeutet aber auch im Umkehrschluss, dass die Ursachen dieser Symptome behandelbar sind. Sogar richtig gut. Und das Allerbeste daran ist, dass dein Leben danach mehr Qualität haben wird, als es davor hatte. Du wirst zufriedener sein. Vor allem, was dich und dein Wesen ausmacht. Du wirst wissen, was du willst, vor allem aber, was du nicht willst und sehr gut erkennen können, wenn jemand oder etwas – bewusst oder unbewusst – versucht, dich zu manipulieren. Um herauszufinden, wer du eigentlich bist oder was du wirklich willst, bedeutet das im ersten Schritt, alles Bisherige zu hinterfragen. Das ist kein Lebenswandelleichter Schritt und verdammt harte Arbeit. Dazu musst du nicht zwangsläufig den steinigen Weg gehen, den ich hinter mir habe und dir alles selbst erarbeiten.

Falls du dich in irgendeiner Hinsicht mit dem Artikel identifizieren konntest, empfehle ich dir dringend, dich zunächst fachärztlich untersuchen zu lassen. Sollten diese Untersuchungen ergebnislos verlaufen oder du die Bestätigung bekommen, dass es sich nicht um ein körperliches, sondern psychisches Problem handelt, würde ich dir eine Psychotherapie sehr nahe legen. Geh zu einer Person, bei der du das Gefühl hast, dass es sich richtig für dich anfühlt. Es ist durchaus okay die Therapeutin oder den Therapeuten wieder zu wechseln, solange bis es passt und du dich dort wohlfühlst.

In meinem nächsten Artikel zum Thema Selbstfindung werde ich mich mit der Zeit während meines Dauerschwindels befassen und auch damit, wie ich ihn wieder los geworden bin.

Dich hat der Artikel sehr berührt oder vielleicht hast ja auch du oder jemand dir nahe Stehender so etwas Ähnliches schon ein mal erlebt? Falls du mir davon erzählen möchtest, würde ich mich sehr freuen, von dir zu hören. Gerne auch als Kommentar.

4 KOMMENTARE

  1. Servus Wolfi!

    Ich hoffe ich bin der erste der hier ein Kommentar hinterlassen darf! 😀

    Ich finde echt sehr fein wie du mit dir und deiner Entwicklung umgehst und deine Erlebnisse und Erfahrungen teilst – das ist für all diejenigen sehr viel Wert, die sich davon etwas mitnehmen und ihr eigenes Leben dadurch bereichern können! Auch ich habe mir etwas davon mitgenommen, und zwar die Motivation aufgeschobene Dinge endlich anzugehen und umzusetzen – time to perform quasi!

    Danke dafür!

    Ich wünsche dir viel Freude und eine gute Zeit mit deinem Blog und hoffe auf noch einige lässige, welterklärende Gespräche mit dir!

    Bis dahin – be humble and ignore the Nay-sayers!

    • Hallo The B.,

      Dankeschön für deine bestätigende Rückmeldung. Es freut mich sehr, wenn ich es geschafft habe, mit meinem Blog zu inspirieren. Was ja genau genommen eines meiner Hauptmotive ist.

      Ich bin schon sehr gespannt auf die Ergebnisse und ehrlich gesagt auch ein klein wenig aufgeregt, weil ich dich kenne und sowohl dich als auch deine Arbeit sehr schätze.

      Auf (hoffentlich) viele weitere Gespräche 🙂

      PS: Du warst der Erste… 😉

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