Wie ich schon in meinem letzten Artikel – „When All Hell Broke Loose“ – geschrieben habe, waren die Ereignisse „danach“ die härtesten in meinem Leben. Die darauf folgende Geschichte widmet sich dieser damaligen Zeit.


Der Schwindel, den ich damals bekam, war nun ununterbrochen vorhanden. Er wurde zu meinem allgegenwärtigen Begleiter, der schon munter war, bevor ich es wurde und – auch mitten in der Nacht oder während hochkonzentrierter Tätigkeiten – nicht von meiner Seite wich. Was die spürbaren Herzrhythmusstörungen anging, so nahmen diese an Häufigkeit und Intensität zu. Nur die Panikattacken blieben bald aus. Wahrscheinlich, weil dieser Zustand für mich zur Normalität geworden war.

Natürlich ging ich damit sofort zum Arzt. Ich wurde zu unterschiedlichen Fachärzten überwiesen, von denen ich die verschiedensten Diagnosen erhielt: An die erste Diagnose erinnere ich mich noch besonders gut. Hirntumor. Bis ich schließlich einen Termin für die Magnetresonanztomographie erhielt, vergingen 3 Wochen. Die Mühlen mahlen eben langsam.

Zeit

Wenn man in so einem Magnetresonanztomographen liegt und – nur in Unterwäsche bekleidet – in einem ungeheizten Raum eine halbe Stunde lang stillhalten muss, während die Maschine mit einem ohrenbetäubenden Geräusch draufloshämmert, hat man scheinbar alle Zeit der Welt, seinen Gedanken nachzuhängen. Ich kam schon währenddessen zum Schluss, dass ich wohl keinen Tumor in meinem Kopf haben könne. Ich erklärte mir das damals damit, dass es ja eigentlich höchst unwahrscheinlich sei, dass nach all diesen Vorfällen lediglich so etwas Unoriginelles wie ein Hirntumor dahinterstecken würde. Die Erklärung konnte nicht so einfach sein. Ich spürte dies instinktiv und ich sollte wohl Recht behalten. Nach einer kurzen Wartezeit wurde ich zum Arzt hineingerufen und erhielt den negativen Befund.

Wieder zurück beim Facharzt ließ ich mich von einer Untersuchung zur nächsten weiterschicken. Auch wenn ich mir schon dachte, dass es weder innere Blutungen noch Epilepsie oder gar Multiple Sklerose sein würden, so konnte ich dennoch nicht zu 100% sicher sein. Ich ließ die Ärzte daher lieber machen, im Glauben, sie wüssten schon, was zu tun wäre, und würden mir irgendwann einfach sagen, was nicht mit mir stimme – wie es mir immerhin sogar von einigen genau so versprochen wurde.

So vergingen weitere Wochen. Aus Wochen wurden Monate. Aus Monaten wurden Jahre.

Irgendwann während dieser nicht enden wollenden Zeit wurde mir dann doch klar, dass ich selbst aktiv werden musste. Also begann ich wieder zu recherchieren. Diesmal nicht nach Symptomen oder irgendwelchen Online-Diagnosen, die mich ja genau in diese Situation gebracht hatten, sondern nach Leidgenossen. Menschen, denen es ebenso ging wie mir. Die sich tagaus, tagein ebenso mit Dauerschwindel konfrontiert sahen, vielleicht sogar ebenfalls solch spürbare Herzrhythmusstörungen in Zusammenhang mit Panikattacken hatten. Ich kaufte mir daher Bücher. Einerseits psychologische Ratgeber, die versprachen, genau diese Symptomatik beschreiben und behandeln zu können, aber auch Bücher von Leidtragenden. Menschen, die selbst von diesen oder ähnlichen Symptomen betroffen gewesen waren und wieder loswurden. Obwohl ich sehr offen mit dem Gedanken spielte, die Ursache meiner Probleme könnte rein psychologisch sein, so war ich selber noch nicht bereit, mir das einzugestehen und so verschwanden die kaum gelesenen Bücher irgendwo in einer Ecke.

Kampf

Entnervt begann mich ein Arzt nach dem anderen als hoffnungslosen Fall abzustempeln. Unterdessen wurde der Schwindel im Alltag zunehmend zur Belastung und auch die spürbaren Herzrhythmusstörungen waren immer noch präsent, konnten aber trotz 24-Stunden- und Belastungs-EKG nie aufgezeichnet werden. War ich anfangs noch optimistisch, dass alles wieder gut werden würde, litt ich nun immer öfters unter sporadisch auftretenden depressiven Phasen. Ich war frustriert und ausgelaugt. Keinesfalls wollte ich aber in eine waschechte Depression hineinschlittern! Der Gedanke, in Selbstmitleid zerfließend zu resignieren und Gefangener meiner selbst zu werden, ließ mich in einen erbitterten Kampf treten. Ich war dazu bereit, alle Register zu ziehen und mit mir allen zu Verfügung stehenden Mitteln dagegen anzukämpfen.

Zu jenem Zeitpunkt stand bereits fest, dass falls es sich tatsächlich um etwas Körperliches handeln sollte, sowohl der Schwindel als auch die Herzrhythmusstörungen ausschließlich auf eingeklemmte oder beschädigte Nervenbahnen entlang der Wirbelsäule herrühren könnten. Und das war aus Sicht der Schulmedizin nicht beweisbar. Alle anderen Möglichkeiten waren von den Fachärzten mittlerweile ausgeschlossen worden. Also konzentrierte ich mich auf den psychosomatischen Weg. Sollte sich auch dieser als Einbahnstraße herausstellen, so würde ich wenigstens die Gewissheit haben, dass die Wirbelsäule dafür verantwortlich war. Ich nahm daher all meine staubig in der Ecke liegenden Bücher wieder zur Hand.

Recht schnell kam ich zu dem Schluss, dass alle von Psychologen verfassten Ratgeber nicht nur sehr diffuse Symptome beschrieben, sondern dazu auch sehr langatmig zu lesen waren. Ich hatte das Gefühl, als würden sie vor lauter Angst, sich konkretisieren zu müssen, alles verallgemeinern wollen und nur um den heißen Brei herumschreiben. Was ich suchte, waren aber echte Lösungsansätze. Konkrete Strategien, die sich auch im Alltag bewerkstelligen ließen, um wieder die Kontrolle zurückzuerlangen. Natürlich mochte es sein, dass mehr Sport förderlich wäre, genauso auch eine Reduktion von Alkohol- und Nikotinkonsum. Allerdings spürte ich auch instinktiv, dass eine zusätzliche Intensivierung sportlicher Tätigkeiten nicht den gewünschten Erfolg bringen würde, welcher mir hier versprochen wurde. Zu jenem Zeitpunkt trieb ich ohnehin schon regelmäßig Sport. Eine Intensivierung, so schlussfolgerte ich, würde aufgrund der Kombination von Erschöpfung und Schwindel vermutlich nicht sonderlich förderlich sein. Überdies rauchte ich nicht und konsumierte keinen Alkohol, ernährte mich gesünder und achtete auch auf ausreichend Schlaf. Man will ja nichts unversucht lassen.

Oftmals stolperte ich in meinen Büchern über den Begriff „Burn-out“, mit dem Hinweis, dass ich nur mein Leben komplett umkrempeln müsse und dann wäre ich bis an mein Lebensende glücklich. „Glücklich bis an mein Lebensende? Klingt utopisch, aber schön. Geht davon auch der Scheißschwindel weg?“ Keine Antwort. Aber auch die anderen Ratgeber waren da nicht viel aussagekräftiger.

Es wurde zur Zerreißprobe. Eine Lösung musste her. Und zwar schnell. Entnervt von den ganzen „Ratgebern“ begab ich mich zu einer Psychologin. Eine Frau Doktor. Es musste eine Frau sein und ein Doktor. All die Fachärzte davor waren ausnahmslos Männer und hatten absolut keine Ahnung gehabt. Außerdem begab ich mich ganz bewusst in die Hände einer Psychologin anstelle einer Psychiaterin, um nicht mein Leben lang auf Pillen angewiesen zu sein.

Nun war ich zwar bei jemandem, die mir zuhörte, aber dasselbe Kauderwelsch von sich gab, wie ich es schon gefühlte hundert Mal in meinen Büchern gelesen hatte. Nur halt eben verbal. Und es kostete deutlich mehr. Mag schon sein, dass es da einiges aus meiner Kindheit und Jugendzeit zu besprechen gegeben hätte, aber eigentlich war ich nur da, um diesen Scheißschwindel loszuwerden…

Wandel

Also startete ich den Versuch, herauszufinden, was mich glücklich macht. Mein ganzes Wesen begann ich zu hinterfragen. Und, liebe Leserschaft, lass dir gesagt sein, das war die verdammt härteste Zeit meines Lebens.

Schon ab der Geburt wird uns ein ganzes Paket an gesellschaftlichen Normen, Wünschen und Pflichten, an die wir uns zu halten haben, mitgegeben. Manches davon ist unnütz und nur Ballast, den wir von irgendwelchen Lehrpersonen, Eltern, der Werbeindustrie oder anderen Erwachsenen auferlegt bekommen. Manches davon ist recht brauchbar, wie z. B. der Hinweis, dass es  für das Miteinander nicht förderlich ist, wenn man wildfremde Menschen auf offener Straße anglotzt. Und manches davon ist – teils geschriebenes, teils ungeschriebenes – Gesetz: Wenn ich beispielsweise keiner Arbeit nachgehe, werde ich kein Geld verdienen. Wenn ich kein Geld verdiene, werde ich mir die Miete nicht leisten können, sondern entweder nur der Gesellschaft auf der Tasche liegen (und das auch so zu spüren bekommen) oder diesen Druck nicht länger aushalten und unter der Brücke schlafen müssen. Wenn ich nun als Obdachloser mit zerlumpten Klamotten wildfremde Menschen auf offener Straße anstarre, hat diese gesellschaftliche Norm eine völlig neue Qualität und ich werde mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit das geschriebene Gesetz zu spüren bekommen und vielleicht sogar im Gefängnis landen.

Dieser kleine – zugegebenermaßen etwas überzogene–Exkurs gibt einen Einblick darin, dass durchaus einiges davon, was uns von klein auf anerzogen wird, brauchbar ist. Aber halt nicht alles. Das wird besonders ab jenem Zeitpunkt sichtbar, wo wir zum ersten Mal ergründen, was uns eigentlich glücklich macht, und außer allgemeinen Floskeln und Schlagwörtern, wie Gesundheit, Geld, Liebe, etc. uns keine weiteren Antworten mehr dazu einfallen. Spätestens aber dann, wenn uns scheinbar harmlose Fragen, so wie etwa „Was will ich in meinem Leben überhaupt machen?“, vor ungeahnte Herausforderungen zu stellen beginnen, müssen wir notgedrungener Maßen all das, was uns bisher als fürs Leben und auch für uns – als Individuum – als sinnvoll und wichtig aufgetischt wurde, gründlich hinterfragen. Sind meine Wünsche dann überhaupt noch meine Wünsche? Waren sie das je? Und entspricht mein Leben überhaupt dem, was ich leben möchte?

„Alles schön und gut, Frau Doktor, aber eigentlich bin ich nur des Schwindels wegen hier.“

Es dauerte lange, bis ich verstand, dass das Eine tatsächlich mit dem Anderen zu tun hatte. Dies wurde mir schließlich mit dem von mir selbst erbrachten Beweis vor Augen geführt, als es mir gelang, die Kontrolle über meinen Schwindel zu erhalten und ich dadurch wusste, dass die Ursache viel komplexer und vielschichtiger als ein einfach zu erklärendes Rückenproblem sein musste. Ab dem Zeitpunkt war ich mir nicht mehr sicher, ob dies nun besser oder schlechter als all die anderen, leichter erklärbareren, Lösungen war. Es sollte darauf ein unfassbar langsamer, aber sich dauerhaft ins Positive entwickelnder Wandel folgen.

Und du?

Solltest du dich in dieser Geschichte zum Teil oder womöglich zur Gänze wiedergefunden haben, dann schreib oder antworte mir zu diesem Beitrag. Es gibt wahnsinnig viele Menschen, wie dich und mich und jeder einzelne davon hat ihre oder seine eigene Geschichte zu erzählen. Niemand von uns ist gezwungen, den Kopf in den Sand zu stecken, und es hilft allen anderen, zu wissen, dass sie nicht allein sind und dass wir sie damit auch nicht allein lassen werden.

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